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The Gentleman Fighter - Interview mit Marcus Karallus

Er gilt als Hamburgs bekanntester Personenschützer und zählte schon so einige Persönlichkeiten aus Politik, Sport und Hollywood zu seinen Kunden. Jetzt hat sich der 48-Jährige Familienvater aus dem aktiven Personenschutz zurückgezogen. In den Ruhestand geht er damit trotzdem nicht: Als Thaikido-Trainer, Akademieleiter und Sicherheitsberater gibt es für den Hamburger noch jede Menge zu tun.

Wir treffen Marcus Karallus in der Kampfschule "Siamstore" zum Gespräch über Kampfkunst, Philosophie und Stil und begeben uns mit ihm auf eine Reise in die faszinierende Welt der Security...

 

Gentleman Fighter: Marcus Karallus im Siamstore Hamburg, Hemd: B&B, ab c.a. 160 €, Traveler Jackett: B&B, 495 €
Gentleman Fighter: Marcus Karallus im Siamstore Hamburg, Hemd: B&B, ab c.a. 160 €, Traveler Jackett: B&B, 495 €

 

Du hast früher Jura studiert. Wie wird man vom Verteidiger vor dem Gesetz zum Verteidiger um Leib und Leben?

 Während meines Jurastudiums bin ich angesprochen worden, ob ich nicht in der Sicherheit arbeite will. Dort wiederum hat man mich angesprochen, ob ich im Personenschutz arbeiten möchte. Ich habe mich erst darüber lustig gemacht und gesagt: ‚Ja, ja, hier hast du meine Nummer und viel Spaß noch’. Und dann hat er mich tatsächlich angerufen und ich habe einen Crashkurs von einem ehemaligen Polizisten erhalten und bin dann gleich in meinem ersten Job mit Mickey Rourke losgetobt. Das war 1993.

 

Du bist der Begründer von Thaikido. Wie kamst du auf den Gedanken einen neuen „Mixed Martial Art“-Stil zu begründen?

 Ich bin in einem Viertel aufgewachsen, in dem man sich täglich mit körperlichen Auseinandersetzungen konfrontiert sah. Deshalb habe ich schon im Alter von 10 Jahren mit Kampfsport angefangen. Bis ich 20 war habe ich mal hier mal da und überall trainiert, aber das richtige war für mich nie dabei. Da habe ich entschieden: ‚Ich will jetzt selber etwas machen’. Eine glückliche Fügung hat sich ergeben, da  ein Haus der Jugend gefragt, ob ich als Jugendgruppenleiter eine Kampfsportgruppe betreuen wolle. Dort haben wir dann einen Freikampfstil trainiert, den hab ich dann Thaikido genannt. Am Anfang war das nur Thai & Kickboxen und ein bisschen Bodenkampf und dann Aikido. Deshalb auch der Name Thaikido, weil es super spannend ist Muay Thai und Aikido zusammenzufügen. Und erst relativ spät habe ich dann in Brasilien Brazilian Jiu Jitsu No-Gi für mich entdeckt. Vorher dachte ich mir beim Brazilian Jiu Jitsu: Ja, ja was wollen die denn! Aber da bin ich dann in Rio de Janeiro auf den Boden der Tatsachen gebracht worden - Wort wörtlich (lacht). Um eine Kampfkunst- oder Kampfsportart zu begründen gehört das eben mit dazu. Seitdem gehört Muay Thai, Aikido und Brazilian Jiu Jitsu No-Gi für mich einfach zusammen und ich unterrichte Thaikido, weil ich nicht Mixed Martial Sports sondern Mixed Martial Arts machen möchte. Deshalb auch die Aikido Komponente. Aus dem Grappling heraus klassische Aikido Techniken, denn auch im Ring wird nach den Armen gegriffen, dass ist ja für einen klassischen Aikidoka ’ne glatte eins.

 

Fast jede Kampfsportart hat auch eine spirituelle Dimension. Welche Weisheiten gibt’s du bei Thaikido an deine Schüler weiter?

 Das die absolute Redundanz, also die absolute Rückfallstufe, immer das eigene Können und der Glaube an sich selbst ist. Dass niemand am Ende für dich entscheiden kann, dass niemand am Ende für dich dein Leben leben kann. Es ist mir ganz wichtig das zu transportieren, sonst können meine Schüler im Ring keine eigenen Entscheidungen treffen. Oder auch wenn sie in eine Notwehr und Nothilfe Situation kommen. Ich habe in meinem Job gelernt, dass es ganz schwierig ist das richtige Maß zu finden, im Leben überhaupt. Das richtige Maß an Skills, das richtige Maß an Beziehungen, das richtige Maß an was verdiene ich an Geld, oder ist mir meine Freiheit wichtiger. Und diese Abwägungen zu treffen die versuch ich auch auf mentaler Ebene zu geben. Dass Sie nicht in Schwierigkeiten jeglicher Art geraten, oder gar selbst gewalttätig werden.

 

Also die richtige Balance zu finden zwischen zwei Extremen.

 Ja genau zwischen Extremen wie purer nackter Gewalt und dem normalen Leben umgehen zu müssen und trotzdem ein stilsicheres Auftreten dabei zu haben.

 

Als „Hamburgs bekanntester Personenschützer“ hast du in deiner aktiven Zeit mit einigen Größen aus Film und Politik zusammengearbeitet. Was war deine schönste Erfahrung?

 Da weiß ich gar nicht wo ich anfangen und aufhören soll. Enorm beeindruckt hat mich z.B. Daryl Hannah, die in „Kill Bill“ die Black Mamba gespielt hat. Zwischen ihrer Rolle und der Person, die sie wirklich ist liegt ein Pazifik. Da muss man echt Chapeau sagen: Das ist ’ne Schauspielerin. Im wirklichen Leben ist die so super nett und lieb und so politisch. Das hat mich wirklich tief beeindruckt. Whoopie Goldberg hat mich komplett beindruckt, der Dalai-Lama. Jean Reno, super netter Typ. Bei Leon der Profi, da denkt man an einen eiskalten Killer, das ist er natürlich überhaupt nicht, ein super höflicher Mensch. Da habe ich echt viele nette Erinnerungen. Auch mit Vitali und seinem Bruder Wladimir Klitschko. Das ist natürlich auch ein sehr interessanter Job, mit den ganzen Prominenten. Ich habe natürlich Jobs mit Menschen durchgeführt, die gar nicht wollen, dass man ihren Namen überhaupt erwähnt. Da gab es aber natürlich genau so tolle Erlebnisse. 

 

Man in action: Marcus Karallus zeigt uns Thaikido in Bewegung. Der perfekte Begleiter: Ein Jackett das nicht knittert. Das Traveler Jackett von B&B gibt es jetzt für 495 €, Hose: Loro Piana, 269 €

 

Welche Klischees über Bodyguards sind absolut falsch?

 Dass sie alle ungebildet und schießwütig wären. Dass sie alle zwei Meter große Schlägertypen sind. Natürlich habe ich auch zwei Meter große und intelligente Kollegen, aber die sind nicht schießwütig und schlagen sich auch nicht herum (lacht).

 

Was macht einen guten Personenschützer aus?

 Das ist immer sehr schwer zu beantworten, da ich ein bisschen das Enfant terrible war, weil ich überhaupt in der Öffentlichkeit über diesen Beruf rede. Da wurde ich dann von einigen Leuten schon in eine komische Schublade gesteckt. Aber wenn ich jetzt drei Attribute nenne, dann ist das erst mal eine echte, gute fundierte Kenntnis des Jobs Sicherheit an sich. Zweitens ist es wichtig, dass man diese körperliche Rückfallebene schon hat, dass man tatsächlich leidensfähig ist, Schmerzen ertragen kann und tatsächlich auch in der Lage ist ein Problem zu lösen. Am Ende sollte man die Fähigkeit haben, die man dem Kunden auch verkauft. Sich selbst, die eigene Sicherheit schützen zu können, um dann aus dieser Position heraus den Kunden schützen zu können. Ich erwarte von niemanden, dass er sich in die Kugel wirft. Sondern ich erwarte, wenn ich mit jemanden zusammenarbeite, dass der auch in der Drucksituation funktioniert, und nicht nur wenn alles schick ist. Tatsächlich liefern. Das ist ein Attribut was ich für sehr wichtig halte.

 

Du kannst dich selbst verteidigen und verteidigst andere. Hast du schon mal eine brenzlige Situation erlebt von der du im Nachhinein dachtest: ‘Das hätte auch anders ausgehen können? ‘

 Ich hatte vor 14 Jahren eine Kleinhirnblutung durch einen Kampf. Drei Tage lag ich ihm Koma und insgesamt 9 Wochen Reha. Das war schon tough. Es war ein Weltmeisterschaftskampf im Kickboxen. In der sechsten Runde habe ich irgendwie eine Gerade oder ’nen Haken nicht gesehen. Ich bin auf jeden Fall stehend K.O gegangen, auf den Hinterkopf gefallen und als ich dann nach drei Tagen aufgewacht bin hat der Arzt zu mir gesagt: ’Schön dass Sie wieder da sind Herr Karallus, es steht 70/30 gegen Sie’. Und da dachte ich mir: ‚Das werden wir ja sehen’! Und jetzt 14 Jahre später muss man sich mein Gerede immer noch anhören. Hat also geklappt (lacht)

 

Wie sollte man in einer gefährlichen Situation, in der man sich bedroht fühlt reagieren?

 Es gibt drei Standards. Das Erste ist evakuieren. Weg aus der Situation. Das Zweite ist verbarrikadieren. Ist da irgendwo ein Auto, ein Hauseingang, wo ich mich verstecken kann. Das letzte ist dann halt auf die Situation zugehen, sich umzudrehen zu sagen: Entschuldigung wieso gehen sie die ganze Zeit hinter mir her?  Selber konfrontativ werden. Denn die meisten Täter suchen Opfer und wenn man sich nicht als Opfer generiert wird man zu 90% in Ruhe gelassen. Es gibt natürlich Psychopathen denen ist das egal, aber Soziopathen, die einfach nur sagen, die Regeln der Gesellschaft gelten nicht für mich, die bekommen bei Konfrontation oft selber Angst.

 

 

Was ist deine größte Angst?

 Ich habe immer Angst, dass ich zu viel rede.

 

Das ist aber eine sympathische Angst.

 Ich habe echt immer die Befürchtung, dass ich mich um Kopf und Kragen rede (lacht).

 

Und deine Größte Stärke? Gibt es etwas wofür Andere dich bewundern?

 Meine Begeisterungsfähigkeit z.B. für Thaikido. Und dass ich diese Begeisterungsfähigkeit transportieren kann. Ich habe in meiner Tätigkeit in der Akademie die Erfahrung gemacht, dass ich selbst trögen, rechtlichen Stoff spannend transportieren kann (lacht).

 

Nochmal eine Klischeefrage: Hast du einen großen Traum, oder etwas was du dir noch erfüllen möchtest?

 Ich habe eigentlich mehrere Träume: ich würde gerne ein Buch schreiben. Ich würde gerne noch eine Japan-Reise machen und eine Fotoausstellung.

 

Ok, dann sprechen wir uns in 10 Jahren wieder und gucken mal...

 ...ob ich das alles schon erfüllt habe (lacht)

 

Du bist Familienvater eines 5-Jährigen Sohns. Welche Dinge möchtest du deinem Sohn mit auf den Weg geben?

 Empowering- Das ist mein Lieblingswort diese Woche (lacht). Ich will mit ihm unbedingt „Black Panther“ schauen. Er ist total Multi Kulti. Meine Frau hat türkische Wurzeln und ich bin Deutsch-Nigerianer. Ich möchte, dass er ein offener, ehrlicher und intelligenter Mann wird, den das Leben begeistert und der auch anderer versucht zu begeistern. Ich will, dass er die Lebensfreude die er jetzt hat behält und ich will ihn immer bestärken in allen Dingen, die er dann meint auch tun zu müssen. Solange die sozial-adäquat sind (lacht).

 

Wie würdest du deinen eigenen Stil beschreiben?

 Englisch. Ich mag Tweed ich mag Kaschmir, ich mag Flanell und Strick. Ich mag gerne Westen und da ich ja nur noch so wenig Haare hab trag ich gerne Hüte (lacht). Ich versuche immer ein modisches aktuelles Kleidungsstück zu kombinieren. Eine neue Krawatte oder eine schöne Uhr, etwas was ein bisschen heraussticht. Einen kleinen Stilbruch.

 

Gibt es einen modischen Einfluss aus dem Kampfsport?

 Ich musste ja immer praktisch angezogen sein und jetzt da ich nicht mehr aktiv im Dienst bin trage ich natürlich Kleidung die nicht mehr ganz so förmlich wirkt. Es ist mir aber wichtig eine Art „Gentleman Fighter“ zu repräsentieren. Es gab in den Vereinigten Staaten mal eine Zeit, in der Kämpfer in ihrer normalen Kleidung gekämpft haben. Wie in dem Film „In einem Weiten Land“ mit Tom Cruise. Diesen eigentlich europäischen Stil der Bare Knuckle Fighter finde ich sehr inspirierend. Oder Robert Downey Jr. In Sherlock Holmes, das wäre mein Stil. Der kämpferische Sherlock Holmes.

 

Baron oder Bastard?

 Ich bin ja tatsächlich beides. Ich kann mich in Gesellschaft wohlfeil verhalten und wenn es drauf ankommt kann ich mich auch sehr eloquent ausdrücken. Auf der anderen Seite fällt es mir aber auch nicht schwer jemanden beim Sport körperlich in die Schranken zu weisen, oder gewiesen zu werden. Aber wenn ich mich mein Leben lang für eine Schiene entscheiden müsste, dann wäre es der Baron. Das bin ich meinem Sohn schuldig.

 

 

Text und Bild: Lena von Zabern