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Bernhard Roetzel: Der Zeitlose

Bernhard Rötzel im Interview mit Barons & Bastards
Autor und Stilkritiker Berhard Roetzel. Bild: Jan Hemmerich
Lena von Zabern

Ein Interview von 

Lena von Zabern

Er gilt als einer der wichtigsten

Autoren für klassische Herrenbekleidung und erlangte mit seinen umfassenden Stilratgebern für den modischen Mann internationale Bekanntheit.

 

Barons & Bastards spricht mit Gentleman und Stilkritiker Bernhard Roetzel über den Platz des Gentlemans in der heutigen Zeit, modische Ursprünge und aktuellen Entwicklungen in den sozialen Medien.


Mit „Der Gentleman. Das Standardwerk der klassischen Herrenbekleidung“ haben Sie ein umfassendes und detailliertes Handbuch geschaffen, das international erfolgreich ist. Woher kommt ihre Begeisterung für die Mode? Gab es in jungen Jahren einen Bernhard Roetzel, der einen ganz anderen Stil verkörperte?

 

Mein Interesse galt immer schon der zeitlosen Mode. Ich kann nicht genau erklären, woher es stammt. Es hat aber sich mit der kindlichen Freude am Verkleiden zu tun. Ich habe mich gern kostümiert. Es gab in meiner Jugend Zeiten, in denen ich mit Looks experimentiert habe, das Gesamtbild ähnelt aber sehr dem Stil, den ich auch heute noch trage. Seit ich 15 bin kämme ich mein Haar mit Pomade zurück, trage am liebsten Oberhemd, Sakko und Lederschuhe.

 

Heutzutage gibt es, vor allem in den sozialen Medien, eine Vielzahl an Bloggern, Influencern und anderen selbsterschaffenen Stilvorbildern. Was denken Sie über diese Entwicklung? Gibt es für Sie jemanden, der ihren Stil maßgeblich geprägt hat? Wie denken Sie über Ihre eigene Vorbildfunktion in der Mode?

 

 

Ich habe erst letztes Jahr mit Instagram angefangen und habe daran viel Spaß. Ich bin gespannt, ob mich diesen Sommer bei der Pitti mehr Leute erkennen und ansprechen. Früher kam das hin und wieder vor, aber es gab eben keine sozialen Medien. Man musste schon dauernd in Illustrierten und vor allem im Fernsehen auftauchen, um bekannt zu sein. Mein Name ist durch meine Bücher seit vielen Jahren weltweit bekannt, mein Gesicht natürlich viel weniger. Es gibt Leute, die sind bei Instagram weltberühmt, sonst tauchen sie aber nirgendwo auf. In diesem Bereich ist ihr Einfluss aber nicht zu leugnen. Wenn jemand zwanzigtausend, zweihunderttausend oder sogar ein paar Millionen Follower hat, beeinflusst er natürlich sehr viele Leute sehr direkt. Ich weiß, dass viele Leute meinen Stil sehr genau beobachten und für einige bin ich vielleicht auch ein Vorbild. Wobei der inhaltliche Einfluss meiner Publikationen sicherlich größer ist.

Bernhard Rötzel im Interview mit Barons & Bastards
Bild: Jan Hemmerich

Jeder unsere Interviewpartner definiert den Begriff Gentleman ein wenig anders. Was macht für Sie einen modernen Gentleman aus. Bekleidungsstil oder innere Haltung?

 

Ich gehöre nicht zu denen, die das Wort Gentleman zerlegen und den Gentleman als „gentle man“, also höflichen oder galanten Mann definieren. Mit der ursprünglichen Bedeutung, die das Wort im 18. und 19. Jahrhundert in seinem Ursprungsland hatte, kann heute kaum noch jemand etwas anfangen. Für mich ist ein Gentleman jemand, der höflich ist und der sich in jeder Gesellschaft sicher bewegt. Zu der Höflichkeit gehört für mich auch ein Kleidungsstil, der durch Zeitlosigkeit keine Angriffsfläche bietet. Natürlich gibt es Kreise, in denen Barbourjacken und englische Schuhe als Provokation empfunden werden, ich habe aber noch nie negative Reaktionen auf meine Art des Auftretens erlebt.

 

Warum denken sie ist es wichtig, dass der doch sehr traditionelle Begriff Gentleman in der Mode, oder vielmehr in Umgang und Benehmen erhalten bleibt?

 

 

In der Mode ist der Begriff Gentleman in aller Regel einfach nur ein Thema oder ein Motiv. So wie Preppy oder American-Vintage. Der Gentleman-Look in all seinen Variationen scheint aber vielen Leuten Sicherheit und sogar Geborgenheit geben. Er erinnert an alte, sichere Zeiten – die es nie gegeben hat. Aber ein Blazer oder ein Lambswool-Pullover vermitteln einfach ein bestimmtes Lebensgefühl. So wie eine Tasse englischer Tee oder ein Gin und Tonic. Wenn Männer wenigstens versuchen, ein Gentleman zu sein, dann ist das für sie und ihre Umwelt sicherlich nicht von Nachteil. 

Barons & Bastards im Interview mit Bernhard Rötzel
Berhard Roetzel Bild: Jan Hemmrich

Könnten sie sich in eine Frau verlieben, die charakterlich überwältigend, stilistisch aber eine völlige Katastrophe ist?

 

Ich sehe in jeder Frau immer erst einmal die Frau. Schönheit oder tolle Kleidung beeindrucken mich nicht, wenn da nicht noch was Anderes mitschwingt. Andererseits ist es tatsächlich so, dass mich kleine Äußerlichkeiten stören können. Und mir wurde mal geraten, dass man dann vorsichtig sein sollte. Wenn diese Kleinigkeit schon in der Phase der Verliebtheit stört, was soll dann erst nach ein paar Jahren sein?

 

 

Unsere letzte Frage spielt auf die Dualität des Mannes in unseren Markennamen an: Barons & Bastards: Jeder Mann trägt ja eigentlich zwei Seiten in sich. Auf der einen Seite gibt es den Baron, den höflichen Gentleman und auf der anderen Seite trägt jeder aber auch einen (Lucky) Bastard in sich, den charmanten Draufgänger. Qual der Wahl: Baron oder Bastard?

 

Die Qual des Lebens besteht nicht in der Wahl zwischen den verschiedenen Seiten, die wir haben, sie besteht eher darin, dass beide Seiten zu uns gehören. Wobei es in der Regel mehr als zwei Seiten gibt. Man muss das akzeptieren und damit leben.


Gentleman LOOK BOOK (h.f.ullmann publishing)
Gentleman LOOK BOOK (h.f.ullmann publishing)

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